Abtreibung: Rückschritt ins 19. Jahrhundert

(aus Nicaragua Aktuell Juli 2007)

Seit dem 26.Oktober 2006 ist in Nicaragua Abtreibung generell verboten. Nur 10 Tage vor den Wahlen hat eine Mehrheit der Parlamentarier - darunter zahlreiche Abgeordnete der FSLN - ein seit über 100 Jahren bestehendes Gesetz aus dem nicaraguanischen Gesetzbuch gestrichen, das für medizinisch indizierte Abtreibungen Straffreiheit vorsah.

Protestaktion von Frauen gegen das Verbot der medizinisch begründeten Abtreibung

Der umstrittenen Parlamentsabstimmung war eine von der katholischen Kirche, den zunehmend an Bedeutung gewinnenden evangelikalen Sekten sowie einigen Medien geschürte Kampagne vorausgegangen, in der unter anderem Frauenrechtlerinnen als Mörderinnen diffamiert wurden. Auch Rosario Murillo, die Ehefrau von Daniel Ortega, heizte mit ihrem Aufruf "Ja zum Glauben - ja zum Leben - nein zur Abtreibung" die Debatte an. Dabei war auch vorher Abtreibung in Nicaragua nicht legal. Nur wenn die Schwangerschaft Leben oder Gesundheit der Frau gefährdete, konnte eine Abtreibung straffrei durchgeführt werden eine Regelung, die in Nicaragua seit 1891 bestand und zur Zeit in 189 von 193 Ländern der UNO existiert.

Jetzt drohen Frauen, die abtreiben lassen, und Ärzten, die Abtreibungen vornehmen, mehrjährige Gefängnisstrafen, selbst wenn die Schwangerschaft das Leben der Frau gefährdet. Nicaraguanische Frauenorganisationen weisen darauf hin, dass schon bislang illegale und unsachgemäße Abtreibungen eine der häufigsten Todesursachen sind. Mangelnde Bildung, mangelnde Aufklärung, mangelnder Zugang zu Verhütungsmitteln, mangelnde gesundheitliche Versorgung, sexuelle Gewalt in der Gesellschaft allgemein und in der Familie im Besonderen, sexueller Missbrauch von Kindern und ein von großen Teilen der Gesellschaft akzeptierter Machismus sind die Ursachen für ungewollte, erzwungene und mit hohem Risiko behaftete Schwangerschaften.

Die Gynäkologin des Frauenzentrums

Frauenzentrum in El Viejo

Auch das Frauenzentrum in El Viejo, das von der FSLN-nahen Frauenorganisation AMNLAE getragen wird, kritisiert die Gesetzesänderung als Rückschlag für die Frauenrechte. Zusammen mit anderen Frauenorganisationen veranstalteten sie Protestmärsche, Unterschriftensammlungen und Demonstrationen. Zudem reichten die Frauengruppen beim Parlament eine Verfassungsbeschwerde ein, über die jedoch noch nicht entschieden worden ist. Seit jeher nehmen öffentliche Vorträge und Diskussionsveranstaltungen einen breiten Raum unter den Aktivitäten des Frauenzentrums von El Viejo ein. Zu Themen wie Aids-Prävention, Kinder und Jugendrecht, familiäre Gewalt, Verhütung, Aufklärung usw. werden regelmäßig Vorträge und Kurse angeboten, um möglichst viele Frauen und Mädchen zu erreichen. Im letzten halben Jahr wurden auch zu der Strafrechtsänderung zur Abtreibung und zu den Folgen, die dies für die Frauen hat, Veranstaltungen durchgeführt. Hierbei zeigte sich, dass die Medienkampagne zum Thema Abtreibung sehr viele - insbesondere jüngere - Frauen verunsichert hat. Einige äußerten, sie würden lieber sterben als eine Abtreibung vornehmen lassen.

Da für Frauen auf dem Land der Zugang zu Bildung und Informationen noch schwieriger ist, hat das Frauenzentrum im letzten Jahr damit begonnen, auch außerhalb von El Viejo Vorträge und Informationsabende anzubieten. In der Gemeinde Cosigüina fanden seit Januar 2007 monatliche Vorträge zu den oben genannten Themen statt.

Neben dieser Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, bietet das Frauenzentrum individuelle Rechtsberatung, psychologische Betreuung sowie Sprechstunden einer Frauenärztin und eines Kinderarztes an.

Im letzten Halbjahresbericht des Frauenzentrums zeigt sich, dass familiäre Gewalt weiterhin eine sehr große Rolle spielt. Die meisten Frauen, die sich an die Psychologin wandten, kamen, weil sie familiäre Gewalt erlebt hatten. Aber auch die Anzahl der Jugendlichen mit Alkoholproblemen hat unter den von ihr betreuten Fällen zugenommen. Sie kümmert sich zudem um Frauen und Mädchen mit Depressionen, aber auch um Kinder mit Schulschwierigkeiten. Zudem initiierte sie eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Diese Selbsthilfegruppe wird auch von der Rechtsanwältin und der Leiterin des Frauenzentrums unterstützt.

Frauen in Nicaragua - Grafik

Die Rechtsanwältin hat hauptsächlich mit Fällen familiärer Gewalt, Unterhaltsstreitigkeiten und der Anerkennung von Kindern zu tun.

Die Sprechstunden der Gynäkologin und des Kinderarztes werden vor allem von Frauen wahrgenommen, die sich den Besuch in einer normalen Arztpraxis nicht leisten können. Viele Kinder kommen mit Symptomen von Mangelernährung sowie mit Durchfallerkrankungen zur Behandlung. Ein weiterer Arbeitsbereich des Frauenzentrums sind Ausbildungskurse. Um jüngeren Frauen und Mädchen berufliche Perspektiven zu eröffnen, bietet das Frauenzentrum Back-, Näh-, Kosmetik- und Schreibmaschinenkurse an.

Die Gehälter der Psychologin, der Gynäkologin, der Rechtsanwältin und der Leiterin des Frauenzentrums sowie die Fahrtkosten für die Informationsarbeit in Cosigüina werden vom Nicaragua-Forum Heidelberg übernommen.(se)

Für die Unterstützung des Frauenzentrums in El Viejo bitten wir Sie um ihre Unterstützung.
Bankverbindung:
Nicaragua-Forum Heidelberg | Konto Nr. 1517732
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Stichwort: Frauenzentrum