Der Plan vom großen Kanal
Liebe Freunde,
Der Plan einen Kanal vom Atlantik über den Rio San Juan und den Nicaraguasee zum Pazifik zu bauen ist ein alter Traum, der immer wieder einmal aus der Schublade gezogen wurde. Zu besichtigen sind sie in der alten Festungsanlage in El Castillo, über dem Fluss Rio San Juan, über den schon die Spanier, die Engländer und Abenteurer aller Arten ins Land kamen.

Im vergangenem Jahr wurden die Planungen konkret und schnell vorangetrieben, die Konzession wurde an ein Konsortium um den chinesischen Geschäftsmann Wang Jing vergeben. Verfassungsänderungen wurden im Parlament verabschiedet und die Einsprüche, wie die der indigenen Gemeinschaften, die besagen dass gegen das Autonomiestatut der Atlantikküste verstoßen werde, wurden vom Obersten Gericht abgelehnt.
Die Stimmen im Land sind vielfältig, wie nicht anders zu erwarten. Die Details, insbesondere die Finanzierung, die Umweltverträglichkeit und die Routenführung sind noch immer unklar, auch wenn die Studie über den Umwelteinfluss des inter-ozeanischen Frachtschiffkanals durch Nicaragua Anfang April beendet sein soll. Wann alle Fakten auf den Tisch kommen steht in den Sternen, man spricht nun von Ende des Jahres.
In den Monaten um den Jahreswechsel nahm die Diskussion um den Kanal viel Raum in der Berichterstattung der Medien ein, im März 2014 war hingegen nicht mehr viel Konkretes zu hören. In den Nachbarländern lösten die Pläne Befürchtungen aus, was die Auslastung der Häfen in Puerto Limon (Costa Rica) und San Pedro Sula (Honduras) angeht. Natürlich bestreitet auch Panama die Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit eines neuen, für die neusten Schiffsklassen geeigneten Kanals. Panama hat derzeit bei der 6 Milliarden Dollar verschlingenden Finanzierung einer Erweiterung des bestehenden Kanals auch erhebliche Finanzierungsprobleme. Da fragen sich natürlich viele Menschen auch hier in Nicaragua, wie 40 Mrd. Investitionen zu stemmen sein sollen, wer davon profitieren kann und wer das Risiko trägt.

Ich besuche eine Klasse von INATEC, in der Vermessungstechniker ausgebildet werden, Mit einem neuen Programm können sie Gelände am PC modellieren und vermessen. Auf meine Nachfrage, wo sie denn einmal Arbeit finden werden sind sie skeptisch. Vielleicht im Straßenbau, der immer Nachfrage hat, bei den Gemeinden eher nicht, weil das Geld fehlt und dann endlich: „Wenn der große Kanal kommt gibt es sicher auch für uns einen besser bezahlten Job!“
So oder so ähnlich äußeren sich auch die Wäscherinnen am Nicaragua See, die hoffen, dass ihre Männer bei den Bauarbeiten Arbeit finden, oder die Jugendlichen, die abends auf den Brücken über den Rio Oyate oder den Rio Thule stehen und sich die Langeweile vertreiben! Einen dieser beiden Flüsse wird die Kommission wohl als geeignete Route festlegen, die vom karibischen Atlantik in den Nicaragua See führen sollen. Dabei geht es jedoch nicht um die Nutzung der Flüsse, die viel zu klein sind, sondern nur um die geeignetste Geländeformation, um die gigantischen Erdbewegungen in Grenzen zu halten.

Die kritischen Stimmen zum Kanal kommen nicht nur aus dem Lager der Opposition, die sich nur mühsam sammelt und zum Teil nur Angst um den Platz am Futtertrog hat. Sie kommen überwiegend aus den Reihen der kritischen Intelligenz, wie dem Lager der Umweltschützer, die entweder in Managua als NGO's arbeiten, oder am Rio San Juan ihren Sitz haben. So betont Antonio Ruiz von der Fundacion del Rio in San Carlos, die große Rolle des Sees als Trinkwasserspeicher und als Naturreservat. „Schon jetzt gefährden die Einleitungen aus der Landwirtschaft den See und damit den Rio San Juan außerordentlich. Ob aus den großen Palmölplantagen, der Viehzucht, den Aquakulturen, oder dem Bauer der düngt und spritzt, letztendlich landet alles im See oder im Fluss. Die Gefährdung durch austretende Treibstoffe und durch weiteren Erdeintrag haben uns gerade noch gefehlt.“
Armando, der Ökotouren am rio papaturo führt, sieht die Gefahren für die Reservate und Schutzgebiete: „Was soll aus dem zarten Pflänzchen Ökotourismus werden, wenn hier ein gigantischer Kanal das Land zweiteilt. Wir haben schon jetzt Mühe die Menschen mit unseren naturnahen Angeboten von den Stränden ins Landesinnere und den Fluss zu locken?“
Letztendlich spielen ökonomische und politische Interessen die zentrale Rolle beim „Kanalprojekt“.
Es fehlen neben den Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft und den Weltmarktfabriken mit den Löhnen unter oder knapp über dem Mindestlohn, gut bezahlte Arbeitsplätze für einheimische Facharbeiter. Die Menschen mit Hoffnung auf Arbeit und Ausbildung werden das Projekt und damit die sandinistische Regierungspolitik gutheißen, ob die gut bezahlten Jobs freilich mit einheimischen Kräften besetzt werden könnten ist eine ganz andere Frage. Die Kosten für Land und Lebens- haltungskosten werden weiter ansteigen, profitieren werden nicht die Kleinbauern und Tagelöhner.

Spekulanten aller Art werden das Projekt auf ihre Art zu nutzen wissen. Schon jetzt kursiert die Verballhornung des FSLN-Slogans „Haciendo patria“ (wir gestalten das Vaterland) zu „Hacienda Patria“ also sinngemäß „Unser Vaterland: eine Hacienda“ was so viel heißen soll wie: hier bedienen sich wieder einmal die, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen.
Um dies zu widerlegen müssten die entsprechenden Planungen und Details schnell auf den Tisch kommen. Ansonsten bleibt es bei den ernstzunehmenden Befürchtungen der Umweltschützer.
Herzlichst
Heinz