Sandino vive todavia – aber Venezuela ist auch nicht weit!

Liebe Freunde,

vergangenen Freitag wurde landesweit in vielfältigen Veranstaltungen der 80. Todestag der großen nicaraguanischen Identifikationsfigur und dem Namensgeber der FSLN (Frente Sandinista Liberacion Nacional) Augusto Sandino gedacht. Er war der Vorkämpfer der nationalen Befreiung der nicaraguanischen Nation von der jahrhundertewährenden Kolonialisation durch Spanier, Engländer und der USA, weshalb er auch heute noch als 'antiimperialistischer' Musterknabe und Vorzeigegeneral dient. Letztendlich wurde er 1933 von seinem Gegensacher Anastazio Somoza umgebracht, der die 46 Jahre dauernde Somoza Diktatur begründete, die erst 1979 mit der sandinistischen Revolution ihr Ende fand.


Heute wird Sandino als wichtige nationale Figur, neben Ruben Dario, einer der ersten mittelamerikanischen Schriftsteller, der in spanischer Sprache schrieb und damit dem mittelamerikanischen Volk eine Stimme gab, in allen Schulen, allen öffentlichen Gebäuden und Plätzen, quasi omnipräsent ausgestellt. Überall werden die Stationen seines Lebens dargestellt, ob in der Primaria (Grundschule) mit einem Lied und einem Kurzvortrag der älteren Schüler, oder aber beim zentralen abendlichen Festakt der Alcaldia in der casa de cultura, wo die Bediensteten nicht nur Theater spielen, sondern gar mit moderner Videotechnik seine Rückkehr aus dem mexikanischen Asyl und eine der entscheidenden Gefechte naturgetreu darstellen.


Die aktuellen Fragen sind natürlich andere und ob seine Figur für die 50% der Bevölkerung unter 21 Jahren noch als Vorbild taugt, lassen wir einmal dahingestellt. Venezuela spielt in der aktuellen nicaraguanischen Politik eine deutlich wichtigere Rolle, nicht nur weil die Petroleumlieferungen zu Vorzugskonditionen im Umfang von über 3 Mrd. Dollar in den letzten fünf Jahren, wesentlich mit für das stabile Wirtschaftswachstum sorgten, sondern auch weil Venezuela wichtiger Abnehmer für Rindfleisch, Kaffee, Bohnenexporte war. Mit den sinkenden Weltmarktpreisen für die Exportprodukte und der Wirtschaftskrise Venezuelas scheinen nach den Jahren der la vaca gorda (der fetten Kuh) nun wieder eher eine Phase der vaca flaca (V. Tinoco Prensa 21.02) also einer schwächeren Phase anzubrechen, was vielen Programmen der sandinistischen Regierung schwer zusetzen dürfte.

Dass die Proteste und die gewaltsamen Auseinandersetzungen und Toten in Venezuela nun auch die schwache und chronisch inhaltsleere Opposition in Nicaragua beflügeln, darf einen nicht wundern. Das Demokratiedefizit, wird gebetsmühlenartig beklagt, wie die Klientelpolitik, die sie in den Programmen „Null Hunger“ oder dem Hausbauprogramm für Geringverdiener und Parteimitglieder, oder aber auch den Vorzeigeprojekten in Managua festmachen.

Auf der anderen Seite liefern sie sich vor den Botschaften der USA und Venezuela in Managua derzeit Oppositionelle „SOS Venezuela“ skandierend, mit der sandinistischen Jugend (juventud sandinista) Wortgefechte um die Meinungsführerschaft und die zahlenmäßige Überlegenheit, ohne ein alternatives wirtschaftliches und politisches Projekt zu thematisieren. Letztendlich geht es um den Platz an den Futtertrögen. Da kommt mir dann doch ein Zitat von Augusto Sandindo in den Sinn, das mir für die politische Auseinandersetzung besser gefällt: „Ich zog nie in den Kampf um Präsident zu werden!“

Moderate Köpfe, wie der aktuelle Vorsitzende des Unternehmerverbandes COSEP sind doch deutlich zurückhaltender, wenn sie der sandinistischen Wirtschaftspolitik gute Noten ausstellen und dem Ausbau von 'demokratischen' Prinzipien einen nötigen, aber langwierigen Weg voraussagen.

Gleichwohl werden die Auswirkungen der wirtschaftlichen Probleme und politischen Auseinandersetzungen in Venezuela sicher die Situation in Nicaragua nicht einfacher machen. Mit Grußbot- schaften und Heiligenfiguren (Franz von Assisi), wie sie die primer dama Rosarilo Murillo dem venezuelanischen Präsidenten Maduro zukommen ließ, werden diese kaum gelöst werden können.

Herzlichst

Heinz