Auf der Suche nach Solentiname

Liebe Freunde,

nach 27 Jahren zum ersten Mal auf Solentiname, dem kleinen Inselarchipel im großen Nicaraguasee.

Was sucht man nach so vielen Jahren auf diesen kleinen Inseln am „Ende der Welt“?

Die meisten Reisen und „Arbeitsurlaube“ dieser Jahre waren angefüllt von Projektbesuchen, Encuentros und Gesprächen, Besichtigungen und Diskussionen, dem Abfassen von Berichten. Immer auch begleitet von der Frage, „Was kann berichtet werden von Erfolgen und Fortschritten, was von Rückschlägen und ernüchternden Einsichten?“

Marita Guevara von der Albuerge Celentiname wundert sich, dass ich nie nach Solentiname gekommen bin: „In den 80er Jahren waren hier oft ganze Gruppen aus Deutschland, Italien und Spanien, zu essen gab es wenig, aber mein Bruder der im Ministerium arbeitete, besorgte uns Sonderrationen. Die Nächte waren kurz, es wurde viel getanzt und diskutiert, was für eine verrückte Zeit und wir haben zusammengehalten! Heute ist Vieles anders, einige schauen mehr nach sich als nach der Gemeinschaft“


Sie selbst ist auf der Insel aufgewachsen. In einer Familie mit 11 Kindern. „Gearbeitet wurde für das tägliche Essen, sonst hatten wir nichts. Eine regelmäßige Bootsverbindung nach San Carlos gab es nicht. Vielleicht kam einmal im Monat ein Schiff und ab und zu musste einer mit dem Ruderboot die nötigen Dinge wie Öl und Seife holen. Zucker bekamen wir als Kinder so gut wie gar nicht. Wenn wir krank waren benutzten wir Kräuter und kochten bestimmte Rinden. Wir waren hier vergessen am Ende der Welt. Erst mit Ernesto und der Revolution hat sich hier Vieles geändert.“

In den 80er Jahren stand Solentiname für die Geschichte von Ernesto Cardenal und seiner Variante der Theologie der Befreiung, in kaum einem Bücherregal fehlte das Evangelium von Solentiname. Besucht man heute die kleine Kirche auf der Insel Mancorón findet man sie verschlossen, doch oben in der Bibliothek, (natürlich) einem Spendenprojekt für die Gemeinde von Ernesto Cardenal wartet Guillermo, der die Kirche öffnet.

Da sind sie wieder: die bunten kleinen Häuser und Tiere, die Vögel und das Krokodil, der Altarraum mit dem Pfau über dem Kreuz. Alles renoviert, berichtet Guillermo, doch Gottesdiense finden kaum noch statt, die evangelikalen Sekten haben in auch auf Solentiname großen Zulauf, die katholische Kirche ist auf dem Rückzug. Er selbst, so berichtet er, sei auf den Wunsch seiner Großeltern wieder in die Kirche gegangen und fühle sich heute dort „heimisch“. Nach dem Entzug der „Misio“ für Ernesto Cardenal durch Papst Paul II. und seinem unfreiwilligen Rückzug ist Vieles ins Wanken gekommen.

Der Weg führt hoch zu den Häusern, in welchen weiter das Kunstgewerbe gepflegt wird: Die Vögel und die Tortugas aus Balsaholz mit leuchtenden Farben akurat bemalt, die kleinformatigen Gemälde mit der überbordenden Natur, den vielfältigen Figuren beim Fischen oder auf dem Acker und immer im Hintergrund der See, die Bäume bvölkert mit Vögeln und Affen und im Hintergrund die Vulkane, die in der Realität doch nur selten aus dem Nebel auftauchen.


Lidia Castillo berichtet von ihrer Arbeit mit dem Balsaholz, ihr Mann zeigt die Bäume hinter dem Haus die sie für die nächsten Jahre gepflanzt haben. Ihre Kinder haben alle die Schule beendet, zwei studieren sogar in Managua. Sie selbst besucht einen Englischkurs zur besseren Kommunikation mit den Touristen. Sie hat drei Zimmer, die sie für sechs Dollar pro Person incl. Frühstück vermietet. Die meisten der Bewohner leben vom Tourismus und der Artesania, dem Kunstgewerbe und haben sich damit einen bescheidenen Reichtum erarbeitet. Bleiben die Besucher aus, ziehen die jungen Leute aus aller Welt die Strände des Pazifiks dem beschaulichen Leben auf den Inseln vor, ist dieser schnell gefährdet.

Aber es gibt heute auf den größeren Inseln eine Primaria, die Lehrer werden vom Staat bezahlt, die Ausstattung von den zahlreichen Spenden, die sich über Solentiname noch immer ergießen. Auf Macaròn gibt es auch eine Sekundaria (Kl.7-11). Eine kleine Gesundheitsstation tut ihren Dienst, ein Allgemeinmediziner kommt von San Carlos mit dem Schiff bleibt zehn Tage und wird dann wieder abgelöst. Das kulturelle Leben oder der „spirit“ von Solentiname scheint jedoch verschwunden, einige Transparente zeugen eher von Auseinandersetzungen im Kampf um Besitzverhältnisse, über die ja auch schon in der Presse berichtet wurde.

Mit dem Kanu paddeln wir von Macaròn zurück auf die Insel San Fernando, als die Sonne endlich einmal aus den Wolken auftaucht und den wald, der auf den Inseln noch intakt ist, in tiefes Grün taucht. Weit schwimme ich hinaus in den See, Wolken ziehen auf und es beginnt doch wieder zu regnen. Über der Insel spannt sich ein vollkommener Regenbogen und die Sonne lässt ihn in Farben erstrahlen, wie man ihn sonst nur auf den Bildern der Menschen von Solentiname findet!

Herzliche Grüße

Heinz



Für Interessierte hier noch ein interessanter Auszug, vor allem der Dialog:

In Solentiname laufen die Gottesdienste anders ab als andere katholische Messen. Oft sind sie eingebettet in kleine Feiern und gemeinsames Essen. Die Begegnungen untereinander sind genauso wichtig wie die Feier des Abendmahls. Im Zentrum der Gottesdienste steht eine Predigt, die keine normale Predigt ist: Statt einer 20-minütigen Rede wird gemeinsam in der Bibel gelesen und über den jeweiligen Abschnitt gesprochen. Dabei lesen oft die Jüngeren aus der Bibel vor, weil viele Ältere selbst nicht lesen können. Und im Gespräch können alle ihre Fragen und Gedanken einbringen.

Es geht um Fragen des Alltags, um die Gründe für die letzte Schlägerei auf dem Dorffest oder um die Erziehung der Kinder, aber auch um Politik, die Somoza-Diktatur, um Sehnsüchte nach einer Revolution, um gerechtere Wirtschaftsverhältnisse in Nicaragua und ganz Lateinamerika.

Ein kleiner Abschnitt aus einem Gespräch über die Versuchung Jesu bringt das zum Ausdruck.


Im Gottesdienst lesen die Versammelten den Bibeltext Lukas 4,6-7 und kommen danach ins Gespräch:

»Und der Teufel sprach zu Jesus: Alle diese Macht und ihre Herrlichkeit will ich dir geben. Denn sie ist mir übergeben, und ich gebe sie welchem ich will. Wenn du niederkniest und mich anbetest, so wird alles dein sein.«

Laureano: Der versteht es, Propaganda zu machen, dieser Teufel. Genau wie unsere politische Propaganda. Da kommt irgendein Mann in ein Dorf und verspricht das Blaue vom Himmel, damit die Leute ihn wählen. Wenn sie ihn dann gewählt haben, lösen sich alle Versprechungen in Luft auf.

Olivia: Der Teufel wollte von Jesus angebetet werden, weil er selbst Gott sein wollte.

Ein anderer: Er bot ihm ein imperialistisches Messiastum an.

Julio fragt: Wäre das denn ein guter Imperialismus geworden, wenn er von Jesus gekommen wäre?

Felipe: Nein, wenn Jesus dieser Versuchung nachgegeben hätte, dann wäre sein Imperialismus genauso schlecht wie der aller anderen gewesen.

Ernesto Cardenal: Warum sagt der Teufel wohl, dies alles sei ihm gegeben worden?

William: Er hat es an sich gerissen. Das ist die Diktatur. Er hat die Macht, aber keine legitime Macht, sondern eine gestohlene. Der Imperialismus und der Kapitalismus, das ist alles er. Wir haben die Aufgabe, dem Teufel all das wegzunehmen, was er sich angeeignet hat, allen Reichtum der Welt. Diese Versuchung Jesu ist auch ein Gleichnis für das, was heute geschieht: Die, die Macht haben, machen dem Volk Versprechungen, damit das Volk sie anbetet ...

(aus »Das Evangelium der Bauern von Solentiname« von Ernesto Cardenal)