Bildungsstreit: Einschulungszahlen versus Unterrichtsqualität
Liebe Freunde,
mit Geovany, dem Inklusionslehrer“ von Los Pipitos bin ich in vielen Schulen unterwegs, um die Kinder und Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung zu besuchen. Die Frage, wie diese Schülerinnen und Schüler dort zu ihrem Recht auf Partizipation finden ist nur eine der ungelösten Fragen des nicaraguanischen Bildungssystems.
Wenn man in Nicaragua unterwegs ist, ist die große Zahl an Kinder und Jugendlichen unübersehbar. Das Durchschnittsalter beträgt noch nicht einmal 21 Jahre (Deutschland 46J.) Die Zahlen der in den Schulen eingeschriebenen Schüler sind in den letzten Jahren gestiegen und liegen dieses Jahr bei über 1,6 Millionen, was nahezu 30% der Bevölkerung entspricht. Eine unglaubliche Aufgabe für ein Bildungssystem. Bedingt durch die Abschaffung des Schulgelds durch die sandinistische Regierung und die Lehrmittelfreiheit können sich viele Familien den Schulbesuch ihrer Kinder wieder eher leisten. Die Ausgabe für Schulkleidung und Verbrauchsmaterial betragen pro Schuljahr ca. 50-80 Dollar, was bei mehreren schulpflichtigen Kindern gleich eine enorme Belastung der Haushaltskasse darstellt.

Eine Besonderheit stellen die sogenannten preescolares (Vorschulklassen) dar. In drei Stufen werden die Kinder auf den Besuch der primaria vorbereitet. Für viele der Kinder ist dies eine Chance der „häuslichen Problematik“ oder der Fernsehdauerberieselung zumindest stundenweise zu entkommen. Auch wenn die Ausstattung und die Vorschulpädagogik oft sehr eingeschränkt sind, stellen die preescolares strukturierte Zeit, in gemischten Gruppen, mit einer Mischung aus Spielen und erstem Lernen zur Verfügung.
Den Eintritt in die fünfjährige Grundschulzeit (primaria) haben in diesem Jahr immerhin 92% aller schulpflichtigen Kinder vollzogen, allerdings beenden diese nur 59% und schon nach dem ersten Jahr steigen 24 % der Kinder wieder aus. Die Regierung hat daraufhin die Kampagne zur Erreichung des Primarschulabschlusses als vorrangiges Bildungsziel ausgerufen. Noch immer stellen große Klassen, die teilweise schlecht ausgebildeten Lehrer, mangelhafte Ausstattung mit Material und die nicht aufnahmefähigen Eingangsschüler ein großes Problem dar. Die Opposition verkürzt die bestehenden Probleme auf die Frage „Nicht Quantität, sondern Qualität“. In der Tat sind die Qualität des Unterrichts und die oft hohen Ausfallzeiten, vor allen in der ländlichen Region, ein großes Problem, das allerdings nicht durch Schulgeld und die zunehmende Privatisierung der Schulen (15,6% 2010) zu lösen sind.
In die Sekundaria, also der weiterführenden, fünfjährigen Schule, die zum Bachilerato, also zur Studierfähigkeit führt, treten dann nur noch 50% aller Jugendlichen der entsprechenden Altersgruppen ein und nur 55% beenden dann diese auch. Noch vor zehn Jahren wechselten jedoch nur 40% auf die Sekundaria. Das Problem liegt aber nach Aussagen der Bildungsexperten in der schwachen Förderung von Schülern mit Lernproblemen auf der einen Seite, sie werden bis zum Abschluss einfach „durchgereicht“ ohne dass sie die Lernziele auch nur im entferntesten erreicht hätten. Aber auch die Förderung der Lernstärkeren bleibt oft auf einem rein mechanischen Niveau, das zwar investigatives Arbeiten fordert, allerdings dann die entsprechenden Realbegegnungen nicht fördert. Es bleibt oft beim Abschreiben (Von Buch bis Internet) ohne eigenständige Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber das kommt uns dann doch auch bekannt vor?!

Wenn dann die stellvertretende Schulleiterin des Instituto de Madriz in Somoto von derzeit 2700 Schülern in Vormittags-, Nachmittags- Abend- und Samstagskursen (Sabatino) berichtet und dass für die Lehrkräfte kein Kopierer zur Verfügung steht, macht die Ausstattung dann vielleicht ein wenig deutlich. Lehrkräfte, die dann in Gruppenarbeit arbeiten lassen stellen ihr Skript den Gruppen oft auf eigene Kosten zu Verfügung. Es wird dann durch die Schüler kopiert, oder eben abgeschrieben. Dafür erstrahlen die Lehrräume alle neu gestrichen und mit den aktuellen Losungen akkurat versehen. Erste Klassen haben begonnen die Schreibstühle mit Namensaufklebern zu versehen, um der Verwahrlosung und Zerstörung zu begegnen.

Das Modell der Escuela extraedad, also einem Auffangbecken von Abbrechern und Wiedereinsteigern, oder Schülern, die nie die Lernziele der primaria erreichen konnten, sind ebenfalls eine Besonderheit. Hier treffen wir Daisy wieder, 22 Jahre alt und Mitglied bei Los Pipitos, die sich verzweifelt bemüht, endlich Zahlenreihen auswendig zu lernen, obwohl sie noch nicht einmal ein Mengenverständnis besitzt.
Mit Geovany versuche ich der Klassenlehrerin zu vermitteln, dass eine Nutzung des Schulgartens, der Anbau und die Aufzucht von Gemüse, das Ernten und Verwerten, die Gemüsesuppe und der Obstverkauf vielleicht ein sinnvolles Ziel sein könnten. Allein die Absicht werden zwar erkannt, die Umsetzung wird aber nicht erfolgen, schließlich warten noch die anderen 20 Schüler mit ihren ganz unterschiedlichen Problemen. Dass handelndes Lernen, produktives Arbeiten hier angesagt ist, scheitert nicht nur an der materiellen Ausstattung. Ich bitte Geovany den Eltern die Alternative zu erklären und sie in den taller „Autonomia y aprendizaje“ also „Selbstbestimmung und Ausbildung“ umzuschulen, allerdings traut er sich dies als außerschulische Lehrkraft nicht zu!
Doch eben hier liegt die Aufgabe von Los Pipitos, als Elternverband, der sich professionalisiert hat.Man muss die eigene Kapazität in die Waagschale werfen und mit dem Erziehungsministerium Alternativen ausarbeiten. Das allerdings sind viele der Mitarbeiter/innen mit ihren eigenen Bildungskarrieren überhaupt nicht gewöhnt, die Katze beißt sich in den Schwanz!
Mehr über die inklusive Beschulung und die Berufsschulen dann einem der nächstn Rundbriefe!
Herzlichst
Heinz