Begegnungen auf dem Dach eines UNESCO-Weltkulturerbes

Liebe Freunde,

langsam wird es wirklich ungemütlich. Die Temperaturen steigen tagsüber auf über 40 Grad. Was noch unangenehmer ist, sie sinken auch bei Nacht nicht unter 30 Grad! Da hilft weder beten noch fluchen, was liegt näher, als in der luftigen Höhe nach Abkühlung zu suchen? Ich bin der Kathedrale in LEON, einem UNESCO-Weltkulturerbe einfach mal aufs Dach gestiegen. Es hat sich gelohnt:

Auf der Kathetrale

Der Ausblick über die Kuppeln der Kathedrale auf die Vulkankette, die anderen Kirchen und die koloniale Altstadt Leons ist grandios. Die Sonne des späten Nachmittags taucht die Armut in den barrios und die nahen Zuckerrohrfelder in ein warmes, friedliches Licht. Erbaut wurde die Kathedrale zwischen 1747 und 1860, bis heute ist sie eine der größten Kathedralen in Zentralamerika. Die Grenzen der damaligen Diözese Leon reichten von Tegucigalpa (Hauptstadt des heutigen Honduras) bis an die Grenzen des heutigen Panama. Sie war damit eine der größten Diözesen des spanischen Kolonialreiches auf dem lateinamerikanischen Festland. Seit Juli 2011 zählt die Kathedrale zum Weltkulturerbe, nachdem die UNESCO entschied das Bauwerk in die Liste aufzunehmen.

Nachdem ich vorschriftsmäßig die Schuhe ausgezogen habe um das frische Weiß des Daches nicht zu beschmutzen, begegne ich dem Führer und Wächter Fernando, der ein Auge darauf haben soll, dass Schüler keinen Blödsinn anstellen und auch keine Touristen vom Dach stürzen. „Seitdem wir als Welterbestätte anerkennt sind, kommen noch mehr Touristen und wir konnten auch die Eintrittspreise etwas anheben“, meint er augenzwinkernd und sucht schnell wieder seinen Schattenplatz auf.

Schülergruppe

Mit einer Schülergruppe, die gerade in der gegenüberliegenden kirchlichen Sekundaria den täglichen, zweistündigen Englischunterricht beendet hat, ergibt sich eine nette Unterhaltung über die Qualität der Privatschulen: „Unser Englischlehrer war jahrelang in den USA, er beherrscht wenigstens die Aussprache und das können hier nur die wenigsten.“ Ich frage sie, was sie denn später einmal werden möchten. Die Berufswünsche sind eigentlich immer dieselben, „Arzt, im Tourismus, Arbeit beim Fernsehen.“ Wie sie das Studium finanzieren können, steht allerdings in den Sternen.

Die Ratsalocken von Francis, einem der Arbeiter, die mit der Restaurierung beschäftigt sind, verraten seine Herkunft: Er stammt von der Isla de Maiz, oder Corn Island, also der fernen Atlantikküste mit ihrer ganz eigenen Kolonialgeschichte. “Meine Familie lebt auf den Inseln, aber wir können ja schließlich nicht alle vom Tourismus leben und hier habe ich noch fast ein Jahr Arbeit.“ Die hat es allerdings in sich und da nützt auch der schöne Ausblick und das warme Abendlicht nichts. Der alte brüchige Putz muss runter und zum Schluss wird alles geweißelt.

Francis auf dem Dach der Kathetrale

Francis weiß, dass er hier an einem ganz besonderen Bauwerk arbeitet, allerdings wundert er sich, dass die Geschichte der Unterwerfung der Indiginas, die Rolle der Sklaven und der Frondienste, die ganze Geschichte der ungerechten Strukturen Zentralamerikas in einer Stätte des Weltkulturerbes so gar nicht thematisiert werden. Zu recht fragt er sich „Wer hat denn eigentlich den ganzen Reichtum hier geschaffen und wer profitiert bis heute davon?“ Er hat natürlich recht! Die weiß strahlenden Kuppeln und Türmchen der Kathedrale sind nur die eine Seite der Welterbestätte: die nahen Zuckerrohrfelder, die Arbeiter die noch heute die Arbeitsbedingungen mit ihrem Leben bezahlen, die Europäer und US-Amerikaner, die heute die baufälligen Kolonialbauten kaufen und restaurieren, die fast food Ketten die in der Innenstadt überhand nehmen und die Rentner aus Europa, die sich hier einen erschwinglichen Lebensabend leisten können, wir alle sind Teil des Weltkulturerbes.

Herzliche Grüße

Heinz

Blick über die Stadt Leon